BLICK-Artikel vom 17. April 2009 zum Buch, inkl. Interview mit John P. Kummer
(zum Originalartikel bei blick.ch)
Von Roman Neumann | 12:11 | 17.04.2009
ZUG – Eine Depression kann jeden treffen. Und die Krankheit wird sich bald hinter Herz- und Kreislaufkrankheiten zur Volkskrankheit Nr. 2 aufschwingen. Dagegen kämpft Selbsthilfe-Pionier John P. Kummer.
Jeder zweite Schweizer erkrankt irgendwann in seinem Leben an einer psychischen Störung. Das sind viele. Zu viele findet der Zuger Unternehmer John P. Kummer. Er litt jahrelang an Depressionen und forderte den Staat wiederholt dazu auf, die Bevölkerung aufzuklären und das Gespenst Depression endgültig zu entstigmatisieren.
«Eine Depression kann jeden treffen», sagt der 81-Jährige. «Und es ist eine ungeheure Ungerechtigkeit, dass psychische Krankheiten nicht mit körperlichen Krankheiten gleichgesetzt werden». Viel spräche für das Anliegen des Zuger Unternehmers, der den Menschen die Angst vor dem Umgang und der Behandlung mit der Depression nehmen will.
John Kummer
Es wĂĽrde Kosten sparen
Denn die Akzeptanz psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung würde Kosten sparen – und zwar massiv. Eine Studie der Uni Zürich besagt, dass Gehirnerkrankungen jährlich 15 Milliarden Kosten verursachen. Grösster Anteil daran: Depressionen. «Nur ein Bruchteil dieser Summe würde genügen, um besser aufzuklären», so Kummer.
«Viele Menschen wissen nicht, wie mit der Erkrankung umgehen – die Hälfte geht nicht zum Arzt», sagt Kummer. Und ein Gang zum Psychiater werde immer noch als Schwäche angesehen. Die Nichtbehandlung der Patienten kostet wesentlich mehr: IV-Renten, Arbeitsausfälle – vieles davon vermeidbar, wenn die Krankheit richtig erkannt und behandelt werde.
Buch schafft Abhilfe
Abhilfe schaffen wil John P. Kummer schon lange. Er ist Gründer der grössten Selbsthilfeorganisation für Depressionen, Equilibrium, und hat nun ein Buch über Depressionen geschrieben. Co-Autor ist Fritz Kamer, ein Angehöriger einer Depressions-Betroffenen.
Das Buch richtet sich nicht nur an Betroffene. Es ist einerseits ein Mutmacher, andererseits ein Ratgeber für indirekt Betroffene oder – zum Beispiel – auch für Arbeitgeber.
Es ist eigentlich für alle, sagt Kummer. Denn auch das Bundesamt für Gesundheit warnt: Es kann jeden treffen. Und Depressionen sind die Hölle: «Ein selbst betroffener Arzt hat mal gesagt, der psychische Schmerz, den er in der Depression erlebt habe, sei schlimmer gewesen als alles, was er bei seinen Patienten erlebt habe», erzählt Kummer. Und er muss es wissen.
Im Interview
Herr Kummer, warum haben Sie dieses Buch geschrieben?
Das Buch soll einerseits ein Mutmacher und Ratgeber fĂĽr Betroffene sein, andererseits auch aufrĂĽtteln. Denn Depressionen betreffen nicht nur die Kranken selber, sondern auch ihr Umfeld und noch wichtiger: Die ganze Gesellschaft.
Inwiefern?
Weil durch Depressionen der Schweiz ein immenser Volkswirtschaftlicher Schaden entsteht! Durch Arbeitsausfälle, IV-Renten und Suizidversuche. Da Depressionen noch immer stigmatisiert sind in der Gesellschaft lassen sich die Betroffenen oft nicht helfen, die Krankheit wird immer schlimmer und schliesslich chronisch.
Trägt die Wirtschaftskrise dazu bei?
Absolut! Viele Menschen haben ihre Stelle verloren, das bedeutet zusätzlichen Stress – der Nährboden für eine Depression.
Was sollte die Politik tun?
Das Problem endlich ernst nehmen. Denn die Depression wird sich, so sagt es die WHO, in zehn Jahren zur Volkskrankheit Nr. 2 entwickeln. Die Schäden sind enorm. Man könnte sich ein Beispiel am Ausland nehmen. An Schottland. An England, Südafrika, Neuseeland. All diese Länder tun etwas dafür. Nur wir nicht.