Regierungsrat Joachim Eder
Der «Aktionsmonat psychische Gesundheit im Kanton Zug» bedeutet einen wichtigen Schritt in Richtung Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen. Der zuständige Gesundheitsdirektor Joachim Eder hat für Psychoscope Bilanz gezogen.
Der Kanton Zug hat vom 10. September bis 10. Oktober einen «Aktionsmonat psychische Gesundheit» veranstaltet. Wie sieht Ihr Fazit aus?
Joachim Eder: Der Erfolg des Monats hat unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen. So waren die Veranstaltungen sehr gut besucht, das Publikum gut durchmischt und die (Medien-)Resonanz durchwegs positiv. Die Rückmeldungen zeigen, dass unterschiedliche Zielgruppen angesprochen und für das Thema sensibilisiert werden konnten und die Bekanntheit der Hilfs- und Beratungsangebote im Kanton Zug gestiegen ist. Die enge Zusammenarbeit mit 31 Partnerorganisationen stärkte zudem das Zuger Netzwerk Psychische Gesundheit.
Ihre Projektverantwortliche hat für den Aktionsmonat 47 Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Ist so etwas nur im Kanton Zug möglich?
Innerhalb weniger Monate 31 Partnerorganisationen zu motivieren, 47 Veranstaltungen während vier Wochen durchzuführen, zeigt, dass das Thema psychische Gesundheit für viele Menschen von grosser Bedeutung ist. Dazu kommt, dass der Aktionsmonat konzeptionell und organisatorisch gut aufgegleist wurde und wir beim Zuger Bündnis gegen Depression viele Akteure aus dem Bereich psychische Gesundheit bereits einmal mobilisiert haben. In diesem Sinne gibt es im Kanton Zug bereits eine Tradition, was die gute Zusammenarbeit angeht. Zudem sind bei uns die Wege kurz und der Vernetzungsgrad hoch. Aber im Prinzip wäre dies in jedem Kanton möglich – und aus meiner Sicht auch wünschenswert.
Welche Reaktionen haben Sie erhalten?
Durchwegs positive; viele Menschen haben mir gesagt oder geschrieben, dass es toll sei, dass der Förderung der psychischen Gesundheit eine derartige Aufmerksamkeit geschenkt wird und dass so viele Akteure an einem Strick ziehen. Vor allem die grosse Anzahl teilnehmender Organisationen war auch für Zug eine neue Erfahrung.
Betroffene, Angehörige und Fachleute haben in Zug einhellig betont, dass es «keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit » gibt.
Umso wichtiger ist es, dass der Bund und auch andere Kantone dieses Thema mit der notwendigen Nachhaltigkeit aufgreifen und selber Aktivitäten entwickeln.
Schweizweit gibt es bei psychischen Erkrankungen ausgesprochen wenig Selbsthilfe- und Angehörigengruppen. Im Kanton Zug hingegen haben sich 22 neue Gruppen gebildet …
Die Förderung der Selbsthilfe ist gerade bei psychischen Erkrankungen ein ganz wichtiger Aspekt. Man lernt Menschen kennen, die Ähnliches erfahren haben, und erlebt, dass man nicht alleine ist mit seinen Problemen. Dies ist gerade im Bereich der psychischen Gesundheit, welche noch immer als Privatsache betrachtet und tabuisiert wird, sehr wichtig.
Die Förderung der Selbsthilfe hat deshalb im Kanton Zug – auch in der Umsetzung des Konzepts Psychische Gesundheit – einen grossen Stellenwert. Deshalb freut es mich sehr, dass wir am Beispiel der «Selbsthilfe Zug» zeigen können, dass diese selbst in einem kleinen Kanton, wo jeder jeden kennt, funktioniert.
Der Vorsteher Ihres Gesundheitsamtes hat an der Abschlussveranstaltung erklärt, dass die Durchführung des Aktionsmonats viel weniger eine Geldfrage sei als der Ausdruck des politischen Willens.
Das stimmt. Unser Einsatz für die psychische Gesundheit ist parteiübergreifend abgestützt. Und dies nicht erst seit gestern! Das Zuger Bündnis gegen Depression, die kantonsinterne Arbeitsgruppe zur Suizidprävention und das Konzept Psychische Gesundheit im Kanton Zug zeugen vom politischen Willen, die Situation in diesem Bereich nachhaltig zu verbessern.
Gibt es externes Interesse, vom Knowhow und von den Erfahrungen des Kantons Zug zu profitieren?
Ja, über die Kantonsgrenzen hinweg wurden Fachpersonen auf den Aktionsmonat aufmerksam. Uns liegen verschiedene Anfragen von Institutionen und anderen Kantonen vor, welche von unseren Erfahrungen profitieren möchten. Auch über die Landesgrenzen hinaus findet der Aktionsmonat Nachahmer. So möchten Liechtenstein und Berlin das gesamte Kampagnenmaterial für ihre Öffentlichkeitsarbeit übernehmen.
Schweizweit war psychische Gesundheit bisher kaum ein Thema; insbesondere die Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen nicht. Kommt die Gesundheitspolitik des Bundes Ihrer Meinung nach ohne entsprechende Kampagnen aus?
Nein. Es ist unsere klare Erwartung, dass der Bund hier aktiv wird und die Kantone bei ihren Aktivitäten unterstützt. Es macht wenig Sinn, wenn das Rad sechsundzwanzig Mal neu erfunden wird. Aber auch wenn der Bund nichts unternimmt, machen wir weiter und werden im nächsten Jahr in der Öffentlichkeitsarbeit mit dem Thema der Entstigmatisierung einen weiteren Schwerpunkt setzen.
Blickwechsel: Welche Ziele zu Gunsten der psychischen Gesundheit der Zuger Bevölkerung werden Sie als Gesundheitsdirektor in den nächsten Jahren schwerpunktmässig verfolgen?
Mit dem Konzept Psychische Gesundheit im Kanton Zug 2007 bis 2012 haben wir ein Konzept, welches die Schwerpunkte für die nächsten Jahre vorgibt:
- Die Entstigmatisierung des Themas vorantreiben,
- die Förderung der psychischen Gesundheit als Querschnittfunktion bei anderen Aktivitäten verankern,
- die Suizidprävention und Früherkennung verbessern,
- die soziale Reintegration fördern
- und die Selbsthilfe stärken.
Wir werden gegen Ende dieser ersten Konzeptphase das bisher Erreichte evaluieren und dann neue Schwerpunkte setzen.
Interview: Daniel Habegger, Politologe
aus:Â Psychoscope, 3/2009, FSP