Wie Social Media Influencer/innen unseren Blick auf Gesundheit und Körper verändern

Der Einfluss von Influencer/innen

Warst du heute schon auf Social Media? Vielleicht nur kurz, während der Kaffee durchlief, im Bus, in einer Lernpause. Und ehe du dich versiehst, scrollst du durch perfekt inszenierte Körper, makellose Haut, farblich abgestimmte Smoothie-Bowls und Menschen, die scheinbar mühelos jeden Tag trainieren, meditieren, gesund kochen und dabei noch lächeln, als wäre das alles ganz selbstverständlich.

Und dann passiert es.
Dieser kleine, leise Gedanke:

  • «Warum schaffe ich das nicht so?»
  • «Ich sollte wirklich mehr Sport machen.»
  • «Irgendwie bin ich nicht genug.»

Diese Momente kennen viele von uns. Denn die Bilder, die uns täglich begegnen, sind nicht einfach nur Inspiration, sie formen unser Verständnis davon, was «gesund», «fit» oder «attraktiv» sein soll. Besonders im Fitness- und Gesundheitsbereich setzen Influencerinnen und Influencer Standards, die oft weit weg von unserem echten Leben sind.

Doch was macht das mit uns? Und wie stark beeinflussen uns diese Inhalte wirklich?

Die Wissenschaft hat darauf inzwischen erstaunlich klare Antworten, die wir dir nachfolgend aufzeigen.

Warum Influencer und Influencerinnen so mächtig wirken

Influencer und Influencerinnen wirken nicht wie klassische Werbung. Sie wirken wie Freunde und Freundinnen, die man schon lange kennt. Wie Menschen, die «so sind wie wir», nur eben fitter, schöner, disziplinierter.

Systematische Reviews zeigen, dass die Wirkung von Influencer und Influencerinnen besonders stark ist, weil sie:
  • authentisch erscheinen
  • parasoziale Beziehungen auslösen (das Gefühl, jemanden persönlich zu kennen)
  • emotional erzählen, statt sachlich informieren
  • alltägliche Routinen zeigen, die wir als real interpretieren
  • soziale Vergleiche auslösen, oft unbewusst

Eine grosse systematische Übersichtsarbeit von Powell und Pring (2024) zeigt, dass Influencer und Influencerinnen das Gesundheitsverhalten stärker beeinflussen als klassische Werbung, und zwar gerade, weil sie nahbar wirken.

Vielleicht hast du auch schon erlebt, dass du beim Scrollen in deinem Instagram Feed eine Influencerin gesehen hast, die sagte: «Ich mache jeden Morgen 20 Minuten Yoga und das hat mein Leben verändert.» Dabei sass sie in einem perfekt aufgeräumten Wohnzimmer, Sonnenlicht fiel stimmungsvoll durch die Fenster, sie wirkte entspannt und glücklich.

Du dachtest in diesem Moment: «Vielleicht sollte ich auch mit Yoga beginnen.»

Doch du hast nicht gesehen:
  • dass sie ein Team hat, das filmt.
  • dass sie 20 Anläufe gebraucht hat.
  • dass sie dafür bezahlt wird.
  • dass sie höchstwahrscheinlich nicht jedem Morgen 20 Minuten Yoga macht.
  • dass ihr Alltag nicht deiner Realität entspricht.

Und trotzdem hat es auf dich gewirkt.

Solch inszenierte Szenen und all die Posts mit perfekten Körpern, makelloser Haut, weissen Zähnen und Schönheitsidealen setzen vor allem junge Mädchen unter Druck.

Wie Social Media unser Körperbild formt und warum der Druck besonders junge Mädchen trifft

Wenn Influencer und Influencerinnen so wirken, als wären sie «einer/eine von uns», dann trifft auch alles, was sie zeigen, tiefer. Genau deshalb beeinflussen sie nicht nur unser Verhalten, sondern auch, wie wir uns selbst sehen. Und hier wird es heikel.

Der stille Moment nach dem Scrollen

Du schaust dir ein Reel an, in dem jemand scheinbar mühelos trainiert, ausgewogen isst, makellos aussieht. Du weisst, dass vieles inszeniert ist, und trotzdem fühlst du dich plötzlich ungenügend. Dieses Gefühl ist kein Zufall. Es ist ein psychologischer Mechanismus, der in der Forschung seit Jahren dokumentiert wird.

Was die Wissenschaft klar zeigt, ist…

Je mehr Zeit wir auf Social Media verbringen, desto unzufriedener sind wir mit unserem Körper. Das gilt für Frauen, Männer und Jugendliche - unabhängig vom Alter. Bereits kurze Kontakte mit körperfokussierten Inhalten können das Körperbild verschlechtern. Besonders problematisch sind Diät-, Fitness- und «Body Transformation»-Posts.

Die JAMES Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) aus dem Jahr 2025 zeigt, dass soziale Medien das Körperbild von Jugendlichen stark beeinflussen und dabei insbesondere Mädchen unter Druck setzen. Plattformen wie Instagram oder TikTok sind geprägt von idealisierten Darstellungen. Diese Bilder wirken oft nahbar und authentisch, sind jedoch in vielen Fällen inszeniert und nachbearbeitet. Für Jugendliche entsteht dadurch ein unrealistischer Massstab, der kaum zu erreichen ist und Stress sowie Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper auslösen kann.

Die Studie macht deutlich, dass sich die vermittelten Schönheitsideale nach Geschlecht unterscheiden: Während bei jungen Frauen vor allem Schlankheit im Vordergrund steht, orientieren sich junge Männer stärker an muskulösen Körperbildern. Auffällig ist jedoch, dass Mädchen deutlich häufiger berichten, sich durch Inhalte aus sozialen Netzwerken unter Druck gesetzt zu fühlen. Sie haben stärker das Gefühl, ihr Aussehen verändern zu müssen. Ein möglicher Grund dafür liegt in der Funktionsweise sozialer Medien selbst: Algorithmen spielen individuell zugeschnittene Inhalte aus, wodurch Mädchen häufiger mit stark auf Äusserlichkeiten fokussierten Bildern konfrontiert werden. Hinzu kommt, dass sie eher zu sogenannten «sozialen Aufwärtsvergleichen» neigen, also dazu, sich mit besonders attraktiven und oft unerreichbaren Idealen zu messen. Diese Vergleiche wirken sich negativ auf das Selbstbild aus.

Die Forschenden betonen daher die wichtige Rolle von Eltern, Lehrpersonen und anderen Bezugspersonen. Sie sollten einen wertschätzenden Umgang mit dem eigenen Körper vorleben und bewusst darauf achten, wie über Aussehen gesprochen wird. Offene Gespräche über Schönheitsideale und persönliche Unsicherheiten können helfen, Druck abzubauen. Ebenso zentral ist es, gemeinsam mit Jugendlichen Inhalte aus sozialen Medien kritisch zu hinterfragen, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass viele Darstellungen nicht der Realität entsprechen. So kann langfristig die Medienkompetenz gestärkt und ein gesünderes Körperbild gefördert werden.

Motivation oder Druck? Die doppelte Wirkung von Social Media

Influencer und Influencerinnen können inspirieren: Das zeigen mehrere Übersichtsarbeiten. Aber sie können auch überfordern.

Wenn Inhalte realistisch dargestellt werden, können sie folgende Aspekte fördern:
  • Gefühl von Gemeinschaft
  • Motivation durch Vorbilder
  • ausgewogenere Ernährung
  • mehr Bewegung
Werden Inhalte hingegen idealisiert präsentiert, können sie schnell negative Effekte hervorrufen:
  • Schuldgefühle
  • Stress
  • Perfektionismus
  • Diätzwang
  • Übertraining
  • Essstörungen

Ein Bick in unser Gehirn: Warum wir uns so leicht beeinflussen lassen

Wenn wir verstehen wollen, warum Influencer und Influencerinnen so stark auf uns wirken, müssen wir kurz in unser Gehirn schauen. Nicht kompliziert, sondern ganz alltagsnah. Denn Social Media ist nicht einfach ein neutraler Ort, an dem wir zufällig Dinge sehen. Es ist gebaut, um uns zu fesseln und unser Gehirn reagiert genauso, wie es die Plattformen beabsichtigen.

Influencer und Influencerinnen nutzen Mechanismen, die evolutionär in uns verankert sind:

  • Storytelling: Unser Gehirn liebt Geschichten, weil sie Bedeutung schaffen.
  • Belohnungssysteme: Likes, Kommentare und Views wirken wie kleine soziale «High-Fives».
  • Wiederholung: Je öfter wir etwas sehen, desto normaler erscheint es.
  • Emotionale Nähe: Parasoziale Beziehungen lassen uns fühlen, als wären wir Teil ihres Lebens.

Diese Elemente aktivieren im Gehirn Prozesse, die eigentlich für Bindung, Lernen und soziale Orientierung gedacht sind.

Während wir scrollen, reagiert unser Gehirn mit:
  • Dopamin: Der «Belohnungsneurotransmitter», der uns immer wieder zurückkommen lässt.
  • Bindungsgefühlen: Wir fühlen uns Menschen nah, die wir eigentlich gar nicht kennen.
  • Wunsch nach Zugehörigkeit: Wir wollen dazugehören, mithalten, nicht abfallen.

Diese Mechanismen sind uralt. Social Media nutzt sie nur effizient.

Warum das so mächtig ist – selbst wenn wir es wissen

Viele von uns haben wahrscheinlich schon einmal an den Inhalten gezweifelt, die sie sehen. Dabei entsteht oft der Gedanke: «Ich weiss doch, dass das inszeniert ist. Warum beeinflusst es mich trotzdem?»

Die Antwort liegt in der Funktionsweise unseres Gehirns: Emotionale Reaktionen erfolgen schneller als rationale Bewertungen. Wir vergleichen uns automatisch. Wir wollen dazugehören. Wir wollen gemocht werden.

Und genau deshalb wirken Influencer und Influencerinnen so stark. Nicht, weil wir «leichtgläubig» wären, sondern weil Social Media perfekt auf menschliche Psychologie abgestimmt ist.

Wie du dich schützen kannst, ohne offline gehen zu müssen

Die gute Nachricht vorab:
Du musst nicht aus Social Media verschwinden, um dich besser zu fühlen. Aber du kannst lernen, bewusster damit umzugehen. So, dass dein Gehirn weniger in die Vergleichsfalle tappt und du die Kontrolle über dein Wohlbefinden behältst.

  1. Schaffe dir Bewusstsein für deine Trigger
    Frag dich beim Scrollen: «Wie fühle ich mich gerade?». Wenn du merkst, dass bestimmte Accounts dich regelmässig verunsichern, stressen oder unter Druck setzen, ist das ein Zeichen. Entfolge diesen Accounts und/oder schalte Inhalte, die dich triggern stumm. Die Forschung zeigt, dass bereits solche kleinen Anpassungen im Feed das Wohlbefinden positiv beeinflussen können.
     
  2. Füttere deinen Algorithmus mit guten Inhalten
    Unser Gehirn reagiert stark auf Wiederholung. Wenn du also täglich perfekte Körper, perfekte Routinen und perfekte Leben siehst, wird das irgendwann zu deinem «Normal».
    Drehe daher den Mechanismus um:
    Folge Accounts, die:
    - Realistische Körper zeigen.
    - Vielfalt repräsentieren.
    - Humor statt Perfektion vermitteln.
    - Wissen verbreiten, statt Druck auszulösen.
    Studien zeigen, dass diverse Inhalte auf Social Media das Körperbild positiv beeinflussen können.
     
  3. Setze bewusst Pausen
    Social Media ist gebaut, um dich dranzuhalten, damit du möglichst lange auf den Kanälen bleibst. Die Dopaminausschüttung aus deinem Gehirn lässt grüssen. Deshalb ist es auch so schwer «einfach weniger zu scrollen». Trotzdem, kleine Pausen wirken nachweislich positiv auf dein Wohlbefinden.
    Tipps wie du weniger Zeit auf Social Media verbringst:
    - 10-Minuten-Timer beim Scrollen.
    - Handy aus dem Schlafzimmer.
    - Social-Media-freie Morgenroutine.
    - Apps auf die zweite Seite des Homescreens verschieben. Klingt banal, wirkt aber sehr gut.
     
  4. Hinterfrage Inszenierungen aktiv
    Wir haben es bereits gehört, unser Gehirn reagiert emotional, bevor wir rational denken. Deshalb hilft es, diesem Mechanismus bewusst gegenzusteuern.
    Stelle dir folgende Fragen beim Scrollen:
    - «Wie viele Versuche brauchte dieses Video wohl?»
    - «Wurde dieses Foto/Video» bearbeitet?»
    - «Verdient diese Person Geld damit?»
    - «Ist das wirklich ihr Alltag, oder Content?»
    Solche Fragen schaffen mentalen Abstand, welcher nachweislich den Druck, sich mit Influencer und Influencerinnen zu vergleichen, reduziert.
     
  5. Stärke deine Offline-Realität
    Je stabiler dein Selbstwert im realen Leben ist, desto weniger Macht hat Social Media.
    Folgende Tipps können helfen:
    - echte soziale Beziehungen pflegen.
    - Hobbys, die nichts mit Aussehen zu tun haben.
    - Bewegung, die Spass macht, statt «Kalorien verbrennt».
    - Routinen, die dir guttun, nicht dem Algorithmus.
    Studien zeigen, Menschen mit stabilen sozialen Beziehungen und vielfältigen Interessen sind weniger anfällig auf den Druck, der Social Media auslösen kann.

Das Wichtigste zum Mittnehmen: Social Media ist nicht das Problem, aber wie wir es nutzen

Social Media kann inspirieren. Es kann verbinden. Es kann motivieren. Aber es kann auch verletzen, verunsichern und überfordern. Der Schlüssel liegt darin, bewusst zu konsumieren und zu erkennen, dass Perfektion oft nur ein Filter ist.

Du bist nicht weniger wert, weil du keinen Meal Prep Plan hast. Du bist nicht weniger diszipliniert, weil du nicht um 5 Uhr trainierst. Du bist nicht weniger attraktiv, weil du nicht aussiehst wie jemand auf Instagram. Du bist echt. Und das ist immer wertvoller als Perfektion.

Du bist auch nicht «zu sensibel». Du bist ein Mensch mit einem Gehirn, das auf Nähe, Zugehörigkeit und Anerkennung reagiert. Social Media nutzt genau das und deshalb ist es völlig normal, dass es dich beeinflusst. Aber du kannst lernen, die Mechanismen zu erkennen und deinen Feed so zu gestalten, dass er dich stärkt, statt stresst.

 

Referenzen:
BARMER. (o. J.). Social Media und Gesundheit: Wie soziale Netzwerke unser Wohlbefinden beeinflussen. https://www.barmer.de
Holland, G., & Tiggemann, M. (2016). A systematic review of the impact of the use of social networking sites on body image and disordered eating outcomes. Body Image, 17, 100–110.
Powell, T., & Pring, C. (2024). The impact of social media influencers on health outcomes: A systematic review. Digital Health, 10, 1–15.
prevention.ch. (n.d.). «Social Media ist nicht schwarz-weiss»: Wie Social Media psychische Gesundheit beeinflussen. «Social Media ist nicht schwarz-weiss»: Wie Social Media psychische Gesundheit beeinflussen | prevention.ch
Saiphoo, A. N., & Vahedi, Z. (2019). A meta-analytic review of the relationship between social media use and body image disturbance. Computers in Human Behavior, 101, 259–275.
SRF. (n.d.). Schönheitsdruck durch Social Media: Mädchen stärker betroffen. News SRF. Schönheitsdruck durch Social Media: Mädchen stärker betroffen - News - SRF
Turner, P. G., & Lefevre, C. E. (2017). Instagram use is linked to increased symptoms of orthorexia nervosa. Eating and Weight Disorders, 22(2), 277–284.
ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. (2025). JAMESfocus: Soziale Netzwerke und Schönheitsideale. Institut für Angewandte Medienwissenschaft. https://www.zhaw.ch/storage/hochschule/medien/news/2025/251205_MM-JAMESfocus/JAMESfocus_Soziale-Netzwerke-und-Schoenheitsideale.pdf

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